Teilzeit in Führungsetagen – vielleicht gut gemeint, aber realitätsfern

„Der demografisch bedingte Rückgang der Bevölkerung veranlasst unsere Unternehmen, Vorkehrungen zur Fachkräftesicherung auszuweiten. Auch wenn gegenwärtig noch kein flächendeckender Fachkräfteengpass feststellbar ist, ist das Problem punktuell akut und in jedem Fall ernst zu nehmen. Im Zuständigkeitsbereich der IHK zu Coburg sind insbesondere Ingenieure, aber auch Fachkräfte in Teilbereichen der Dienstleistung und in der Möbelindustrie heute schwerer zu bekommen.

Zur Sicherung des Fachkräftebedarfs verfügen Unternehmen über ein breites Spektrum an Handlungsmöglichkeiten. Maßnahmen zur Qualifizierung der eigenen Belegschaft haben dabei höchste Priorität, denn Aus‐ und Weiterbildung ermöglichen maßgeschneiderten Auf-und Ausbau der Personalkapazitäten.

Es ist oberste Aufgabe unserer IHK, Unternehmen in allen Bereichen der beruflichen Bildung maßgeblich zu unterstützen.

Neben der Qualifizierung dienen vor allem familiengerechte Personalkonzepte und flexible Arbeitszeitmodelle der Mitarbeiterbindung und Steigerung der Frauenerwerbsquote. In Coburger Großunternehmen und im Mittelstand kommen heute durchweg neben unternehmens-, team- oder abteilungsbezogenen Arbeitszeitmodellen, wie Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit und Jahresarbeitszeitkonten, individuell angelegte Arbeitszeitkonzepte, als da sind Teilzeitarbeit, Jobsharing und beispielsweise auch Telearbeit, erfolgreich zum Einsatz.

Es gilt unternehmensspezifisch den richtigen Mix zu finden, denn nicht alle Konzepte sind zwangsläufig überall sinnvoll und umsetzbar. Insbesondere Forderungen nach Teilzeitmodellen in Chef-Etagen und im oberen Management sind wenig zielführend, unter anderem auch deshalb, weil unternehmerische Verantwortung und Kompetenz nur in sehr eingeschränktem Ausmaß teilbar sind. Wer Verantwortung übernehmen will, braucht die Sicherheit, dass die eigene Entscheidung ohne Eingriff Dritter wirken kann. Wenn die Kette Entscheidung – Auftrag – Erledigung – Umsetzung – Erfolgskontrolle irgendwo durch Führungseingriffe Dritter beeinflusst, umgesteuert oder gar ausgehebelt werden kann, wird Verantwortungsübernahme letztlich zur Farce.

Nicht umsonst nimmt der Gesetzgeber den Unternehmer als Einzelperson, auch wenn er die Verantwortung auf nachgeordnete Führungsebenen delegiert hat, nie ganz aus der Haftung (gesetzliche Haftung des Prinzipals).

Flexible Arbeitszeitmodelle, wie zum Beispiel Teilzeit, sind als Instrument zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf durchaus zu begrüßen, gehen aber in Führungsetagen, nicht nur in Anbetracht von Leistungs-, Verantwortungs- und Kompetenzkriterien, letztlich auch unter Karriereaspekten an der Realität vorbei.

Es gibt sicherlich Ausnahmen, spezifisch in einigen Großbetrieben der Dienstleistung, wo Jobsharing auf mittlerer Führungsebene stattfindet. Allerdings sind auch dort Hauptverantwortlichkeiten untrennbar Einzelpersonen zugeordnet, und auf der obersten Führungsebene ist es in aller Regel die Position des Sprechers oder des Gremiumsvorsitzenden, der das Unternehmensgeschehen letztlich und ungeteilt zu verantworten hat.

In mittleren und kleineren Unternehmen, der überwiegenden Mehrzahl der Betriebe in Franken, bleibt das Teilzeitmodell auf der Führungsebene als probate Maßnahme zur Bewältigung demografisch bedingten Personalmangels mittelfristig ohne größere Bedeutung. Dazu wäre ein breit angelegter, grundsätzlicher Wandel unserer Unternehmenskultur nötig, der vielleicht sogar dereinst stattfindet. Strategisch nachhaltige Personalentscheidungen sind aber auf Basis aktuell realer Gegebenheiten zeitnah zu treffen."