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Plädoyer für ein starkes Europa

Die Europäische Union ist es wert, gestärkt zu werden. In der Impulsveranstaltung „Auf geht's Europa!", organisiert von den drei oberfränkischen Wirtschaftskammern, Oberfranken Offensiv und der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft in Oberfranken, zeigte sich in Bamberg deutlich, wie wichtig eine gemeinsame Vision von Europa ist und welche Vorteile die EU für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bietet. Gemeinsam gab man ein Bekenntnis für ein starkes Europa, für eine starke Europäische Union und für mehr Zusammenarbeit auf europäischer Ebene ab.


„Bei aller Kritik, die Europäische Union ist eine Erfolgsgeschichte: Die EU ist größter gemeinsamer Wirtschaftsraum der Erde und sichert Wachstum, Prosperität und Beschäftigung. Dank Schengener Abkommen haben wir freien Verkehr von Gütern, Dienstleistungen und Personen", betonte Friedrich Herdan, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Coburg. Daran ändere auch der Brexit nichts, denn Großbritannien sei ein wichtiger Partner für Europa: „Ich bitte doch sehr darum, die Briten so zu behandeln, wie man Freunde behandelt!" Herdan verwies auf die hohe wirtschaftliche Bedeutung der EU speziell für den Coburger Wirtschaftsraum: „Obwohl unsere Maschinenbau-, Automotive- und Elektronik-Unternehmen rund um den Globus präsent sind, findet über die Hälfte des Warenaustausches mit dem Ausland innerhalb Europas statt, überwiegend mit Ländern der Eurozone."


Im Dialog mit dem Moderator, Brüssel-Journalist Hajo Friedrich, wies IHK-Präsident Herdan zugleich auf den Reformbedarf der Europäischen Union auf verschiedensten Ebenen hin. Die EU solle sich nur um Dinge kümmern, die sie besser regeln kann als einzelne Mitgliedsländer, zum Beispiel Sicherung des Binnenmarktes durch Schutz der Außengrenzen, forderte Herdan. Er warnte vor regulatorischem Eifer, wie beim Glühbirnenverbot und der Staubsauger-Leistungsbegrenzung auf 700 Watt. Der IHK-Präsident forderte einen Abbau der Bürokratie, die besonders kleinere und mittelständische Unternehmen (KMU) belaste, und eine Reform der KMU-Definition bei der EU-Förderung: „Die heutigen finanziellen und personellen Schwellenwerte sind nicht mehr zeitgemäß." Nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene, sondern in vielen Lebensbereichen diagnostizierte Friedrich Herdan Reformbedarf und fasste diesen mit folgenden Worten zusammen: „Insgesamt weniger regeln, höhere Effizienz bei Regelungen sowie höhere Anerkennung der kulturellen und nationalen Vielfalt in der EU!"


Staatsministerin Melanie Huml, Vorsitzende von Oberfranken Offensiv, zeigte auf, wie stark Bayern und Oberfranken gerade im Bereich der Wirtschaft von einer starken EU profitieren. „Dass wir hier seit über 70 Jahren in Freiheit, Frieden und Wohlstand leben, verdanken wir dem Zusammenschluss der europäischen Staaten in einer solidarischen Wertegemeinschaft", fasste Sonja Weigand, Präsidentin der IHK für Oberfranken Bayreuth, ihre persönliche Einschätzung zum Wert der EU zusammen. Diese Werte seien von großer Bedeutung und spielten für die Zukunft Europas auch weiterhin eine entscheidende Rolle. vbw-Geschäftsführer Patrick Püttner sprach sich dafür aus, die EU als starke Werte- und Wirtschaftsgemeinschaft zu erhalten und zukunftsorientiert Politik weiterzuentwickeln.
Andreas Starke, Bambergs Oberbürgermeister und Ratsvorsitzender der Europäischen Metropolregion Nürnberg, bewertete den europäischen Einigungsprozess der 50-er Jahre und die partnerschaftliche Zusammenarbeit als hohes Gut für das man sich auf kommunaler, nationaler und supranationaler Ebene mit aller Kraft einsetzen müsse. Auch Thomas Zimmer, Präsident der Handwerkskammer für Oberfranken, verwies auf die deutlichen Vorzüge der Zusammenarbeit in der Europäischen Union.

 

Mitbestimmung aktiv gestalten


Im Gespräch mit drei Europaexperten widmete sich Moderator Hajo Friedrich den Fragen, wie es mit dem Brexit weitergehen könnte und wie es im Hinblick auf die kommenden Europawahlen um die Teilhabe der EU-Bürger an den politischen Prozessen bestellt ist. Sowohl Joachim Menze, Vertreter der Europäischen Kommission in Bayern als auch Prof. Dr. Martin Schmidt-Kessel, Inhaber des Lehrstuhls für Deutsches und Europäisches Verbraucherrecht an der Universität Bayreuth, sahen im Austritt Großbritanniens ein Beispiel für die freiheitliche Entscheidung und Selbstbestimmung innerhalb der EU. Auf der einen Seite gelte es zwar den Zusammenhalt zu stärken, um auch für die Zukunft wirtschaftlich erfolgreich zu sein, dennoch sehe das demokratische Grundprinzip auch eigenständige Entscheidungen der Mitgliedstaaten vor.


Bei der Frage, wie viel Mitbestimmungsrecht die Bürger hätten, gibt es aus Sicht der Europaexperten genug Möglichkeiten, sich einzubringen. Allerdings müsse jeder Einzelne von sich aus die Initiative ergreifen. Augusto de Pellegrin, Eiskonditormeister und Geschäftsführer der „Sanremo" Eisdiele und Kaffeerösterei in Kulmbach forderte: „Wir brauchen ein Europa, das die Courage hat sich zu öffnen und Visionen aktiv voranzutreiben. Wir brauchen Emotionen für den Gedanken von einem geeinten Europa und Menschen, die bereits sind, gemeinsam Lösungen zu finden und Kompromisse einzugehen". Eine Vision von Europa entstehe nicht durch Regelungen und bürokratische Abläufe, sondern in den Herzen der Menschen.

 

Plädoyer für ein starkes Europa
Die Teilnehmer der Talkrunde sahen in der Europäischen Union den Grund für Frieden, aber auch wirtschaftlichen Erfolg und sprachen sich gemeinschaftlich für ein starkes Europa aus (von rechts): Thomas Zimmer, Friedrich Herdan, Melanie Huml, Sonja Weigand, Andreas Starke und Patrick Püttner.